Carl Christian Bry (1893 - 1926): Verkappte Religionen. Kritik des kollektiven Wahns". Die erste Ausgabe von "Verkappte Religionen" erschien 1924 im Verlag Friedrich Andreas Perthes AG, Gotha und Stuttgart.
Der Wahn des einzelnen ist nur pathologisch oder kriminell, aber sieben von ihm Befallene gründen einen Verein, und im schlimmsten Falle bedrohen sie die Gesellschaft in der Überzeugung, die Wahrheit und das Recht zubesitzen.Martin Gregor-Dellin im Vorwort der Greno-10/20-Ausgabe von 1988
Hat Bücherschreiben noch Sinn?
Die Frage hat nichts zu tun mit der Not der »geistigen Arbeiter«. Wenn statt 35 000 Büchern im Jahr nur noch 20 000 und statt 2000 Blättern nur 800 erscheinen könnten, hätte der Zustand seine Vorteile. Die Hochachtung vor dem Menschen, der Bücher schreiben konnte, nur weil er Bücher schreiben konnte, bestand ja nur so lange zu Recht, als das Schreiben das Privileg weniger und jedes Buch ein Beitrag zum »Gedächtnis der Menschheit« war. Das ist heute längst nicht mehr der Fall. Völker und Menschheit wären vielleicht ganz froh, wenn sie einiges vergessen könnten.
Das geistige Leben ist ja nicht nur für die Leute da, die davon ihr tägliches Brot essen. Man kann Schopenhauer mit seinem Wunsche, daß wir auf allen Gebieten nur wenige, aber vortreffliche Bücher hätten, allzu unbescheiden finden. Man braucht den Wert des breiten Unterbaues auch im Geistigen nicht zu unterschätzen - und wird dennoch sagen müssen, daß eine Drosselung der Produktion in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und Doktoren der Philosophie - ich bin auch einer - nicht Erdrosselung des geistigen Lebens ist.
Sie könnte das Gegenteil sein. Sie könnte regeres Leben sein, sogar äußerlich, wirtschaftlich. Das geistige Leben könnte rentabler werden gerade dadurch, daß es noch unrentabler geworden ist, als es war. Wird heute ein junger Mensch, der bei günstigerer Wirtschaftslage sich der Weltweisheit und den schönen Künsten ergeben hätte, statt dessen Bankdirektor, so wird er wahrscheinlich Bücher lesen und keine schreiben. Die Zahl der Schreibenden vermindert, die der Lesenden vermehrt - was könnte erwünschter sein?
Die Frage nach dem Sinn hat mit der nach dem Lohn nur insofern zu tun, als Kopf auf Körper angewiesen ist. Es macht so viel nicht aus, ob sich Bücherschreiben äußerlich ebenso schlecht oder noch etwas schlechter lohnt als von jeher. Die Frage ist nur: Lohnt es sich innerlich? Kann ein Buch noch wirken?
Wirken und Erfolg verhalten sich umgekehrt zueinander, als man gemeinhin annimmt. In der guten alten Zeit, vor 1914, beklagte sich der Bücherschreiber grämlich über die Tücke der Verleger, die ihn ablehnten, über die Grausamkeit oder Böswilligkeit der Rezensenten, die ihn heruntermachten oder totschwiegen, und über die Blödigkeit des Publikums, das ihn nicht las. Er glaubte sich durch rohe, körperliche, kapitalistische Gewalten vom Wirken abgeschnitten.
Sein Kollege von heute ist viel unglücklicher daran. Er glaubt und klagt, daß seine Verleger nicht genug für ihn tun, daß seine Kritiker seine Bedeutung nicht genug unterstreichen, daß sein Publikum ihn nicht genug liest. Das beißt: Er spürt in seinem und trotz seinem Erfolg, daß er nicht wirkt und nichts ändert.
Warum? Weil es ihm zu leicht gemacht worden ist. Tatsächlich war es vielleicht noch zu keiner Zeit weniger schwierig als heute, zu Wirkung und Geltung zu gelangen; und gerade weil es so leicht ist zu »wirken«, scheint es unmöglich zu wirken.
Von jeder Plakatsäule droht ein neuer, besonderer Weltumsturz, schreien Enthüllungen, locken frisch entdeckte Dimensionen. Die Folge ist, daß sich niemand mehr darüber aufregt; außer den Leuten natürlich, die von ihrer Aufregung leben, den - ich bin einer - Journalisten.
Wir sind überfüttert mit Gedanken. Das Bilderbuch verdrängt das Buch, und das ideale Bilderbuch, der Film, frißt sie beide auf.
Glückliche Zeiten, als die Menschheit noch in Irrtümern befangen war! Wir hingegen stöhnen unter der Last von einigen Schock Meinungen, von denen jede einzelne nicht Unrecht hat und die doch weder einzeln noch mitsammen das Gefühl der Wahrheit geben.
Man könnte meinen, diese Schwierigkeit sei mehr physikalischer Art. Schließlich und endlich müsse es doch gelingen, alle diese »Richtigkeiten« entweder durch eine einzige große Wahrheit zu besiegen oder zu einer einzigen großen Wahrheit zusammenzufassen.
Die Wahrheit vorstürmen zu lassen, die Richtigkeiten aus dem Felde zu schlagen, kurz, der Situation durch einen entscheidenden Sieg ein Ende zu machen, ist unmöglich. Und so resigniert es klingt: Das ist eine der Tatsachen, die unserer Zeit Ehre machen. Denn wenn auch keine von den Anschauungen, mit denen wir heute so reichlich überschüttet werden, uns ganz genugtut und wenn sie auch alle weit entfernt sind, uns zu befriedigen, so ist es ihnen dafür um so gründlicher gelungen, uns anspruchsvoll zu machen. Wir wollen nicht verzichten, wollen nichts opfern von dem, was wir erkannt haben. Alle Verstandesenergje, die auf uns einspricht, uns ihre besondere Richtigkeit als Wahrheit aufzureden, die jeden Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen trachtet, beweist uns immer auch zugleich ihr eigenes Gegenteil. Jede Verkündigung, die durch Sieg das Feld behalten, uns überreden will, auf einen Teil unserer Erkenntnisse einfach Verzicht zu tun, um zur Wahrheit und Festigkeit zu kommen, vermehrt nur die Möglichkeiten unseres Denkens um noch eine. Wir alle sehnen uns nach dem Gesetz, dem absoluten - und bleiben doch Relativisten, die das eine ohne das andere nicht denken und fühlen können, die von jedem Gedanken auch sein Gegenteil auch in sein Gegenteil geworfen werden. Unser Gewissen ist nicht einfach dadurch zu befriedigen, daß wir ihm einen Teil unseres Wissens opfern. Diese Befriedigung wäre nicht von Bestand, weil sie gewissenlos wäre. Denn einen Teil unseres Wissens unterdrücken, vergessen, nicht mehr wissen wollen, um der Ruhe unserer selbst oder der Welt Willen um unserem inneren oder äußeren Wohlergehen zuliebe, das hieße uns selbst aufgeben. Es wäre geistiger SeIbstmord: die einzige Todsünde, die keine Religion verzeiht, weil sie nicht wiedergutgemacht werden kann. Obwohl es an Verführung dazu nicht fehlt, erliegen ihr wenige. Der Sieg einer Anschauung, der wir wieder alle innerlich ohne Einschränkung verbunden sind, wäre heute nur möglich auf Grund einer letzten Verzweiflung am Denken überhaupt, einer tabula rasa des Geistes; nein, erst auf Grund einer tiefen Gleichgültigkeit, der sogar ihre eigene Verzweiflung schon gleichgültig geworden wäre. Das aber ist nicht unser Zustand. Wenn wir verzweifelt sind, dann nicht, weil wir an gar nichts mehr glauben können, weil uns alles gleichgültig geworden ist; sondern gerade umgekehrt, weil wir zu vieles einsehen müssen.
Fortsetzung folgt...