Jan Graf Potocki, wurde am 08. März 1761 in Pikow geboren, er nahm sich am 02. September 1815 in Uladowka das Leben. Potocki war Dichter und Universalgelehrter, Enzyklopädist, Weltreisender, Ägyptologe und Begründer der slawischen Archäologie.

Jan Graf Potocki, Die Abenteuer in der Sierra Morena, oder Die Handschriften von Saragossa

Der Roman entstand in den Jahren 1804-1815. Die erste Teilausgabe erschien 1805 als Privatdruck in Petersburg unter dem Titel "Manuscrit trouve a Saragosse". Eine deutsche Übersetzung erschien 1809 in Leipzig. Das Buch erschien 19xx bei Insel in zwei Bänden und im Mai 1984 bei Haffmans als Neuübersetzung in einem Band. Die Ausgabe von Haffmans basiert auf dem 1958 wiedergefundenen französischen Originalmanuskript, vom dem allerdings nur 4/5 erhalten sind. Der polnische Originaltitel lautet und in Englisch ist das Buch unter dem Titel erschienen.

Leseprobe aus der Ausgabe bei Haffmans

Vorwort des Verfassers

Als Offizier der französischen Armee nahm ich an der Belagerung von Saragossa teil. Einige Tage nach der Eroberung der Stadt schweifte ich ein wenig abseits und sah vor mir ein kleines wohlgebautes Häuschen, von dem ich annehme, daß kein Franzose es je zuvor besucht hat.

Neugier trieb mich, einzutreten. Ich klopfte an die Tür, bemerkte jedoch, daß sie nicht verschlossen war, stieß sie auf und trat ein. Ich rief und suchte, niemand war da. Es schien mir, als daß man schon alles Wertvolle fortgeschafft hatte: auf den Tischen und dem sonstigen Mobiliar war nichts von Belang zurückgeblieben. Nur auf dem Boden, in einem Winkel, bemerkte ich mehrere Hefte beschriebenen Papiers. Ich warf einen Blick hinein. Es war ein spanisches Manuskript; ich verstand von dieser Sprache nicht allzuviel, doch immerhin genug, um zu erkennen, das Buch könnte amüsant sein: von Räubern war die Rede, von Gespenstern, von Kabbalisten, und nichts konnte besser geeignet sein, mich von der Langeweile des Feldzuges abzulenken, als ein bizzarer Roman. überzeugt, das Buch würde sowieso nicht zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückfinden, nahm ich es ohne zu zögern an mich.

In der Folge waren wir genötigt, Saragossa zu räumen. Durch ein Mißgeschick vom Gros der Armee getrennt, geriet ich mit meinem Detachement in Gefangenschaft; ich glaubte, es sei um mich geschehen. An dem Ort, wohin sie uns geführt hatten, begannen die Spanier, sich unseres Hab und Guts zu bemächtigen. Ich bat, einen einzigen für sie wertlosen Gegenstand behalten zu dürfen: das Buch, das ich gefunden hatte. Daraus ergaben sich zunächst einige Schwierigkeiten. Endlich fragten sie einen Hauptmann um Rat; er warf einen Blick in das Buch, kam zu mir, und dankte mir, daß ich ein Werk, das für ihn von höchstem Wert sei, da es die Geschichte eines seiner Vorfahren enthalte, unversehrt aufbewahrte. Ich erzählte ihm, wie es in meine Hände gefallen war; er nahm mich mit sich, und während des recht langen Aufenthaltes in seinem Hause, wo ich gut behandelt wurde, bat ich ihn, mir dieses Werk ins Französische zu übersetzen. Nach seinem Diktat schrieb ich es nieder.

Erster Tag

Der Graf von Olavidez hatte in der Sierra Morena noch keine Ausländer angesiedelt: diese steile und stolze Gebirgskette, die Andalusien von der Mancha trennt, war also nur von Schmugglern bewohnt, von Räubern und von einigen Zigeunern, die umherschweiften und Reisende ermordeten, um sie aufzufressen; daher stammt das spanische Sprichwort: Las Gitanas de Sierra Morena quieren carne des hombres. (Die Zigeunerinnen der Sierra Morena begehren Menschenfleisch.)

Doch mehr noch: der Reisende, der sich in diese wilde Gegend wagte, sah sich hier, so sagt man, von tausend Schrecken bedrängt, die wohl geeignet waren, verwegenste Kühnheit zu Eis erstarren zu lassen. [...]


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